Gebt mir einen neuen Kopf
Die Haut von Michael Jackson, die Lippen von Jeanine Schiller, das Kinn von Stefanie Werger, die Nase von Mike Krüger, die Ohren von Prince Charles und die Augenbrauen von Leonid Breschnew? Dazu vielleicht noch Frisur und Outfit von ATVplus-Weltstar Dominic Heinzl? Oft sieht man nach einer Gesichtsoperation blöder aus als vorher, aber die plastische Chirurgie kann sich alles leisten. In Cleveland, Ohio, bekam jetzt die polnische Ärztin Maria Siemionow erstmal die Erlaubnis, eine komplette Gesichtstransplantation durchzuführen. Das Gesicht des Patienten wird dazu entfernt und anschließend das Gesicht eines Toten aufgebracht. Wer das erste Gesicht erhält, steht noch nicht fest. Natürlich ist das, sagen wir mal vorsichtig, umstrittener als ein Zahnimplantat. Der britische Bioethiker Tom Shakespeare (!) nennt das Transplantieren ganzer Gesichter einen „Kotzfaktor der Wissenschaft“. Schön sprechen, kann ich da nur sagen, noch dazu, wenn man so einen berühmten Schriftstellernamen trägt. Großbritanniens führender plastischer Chirurg, Peter Butler, arbeitet am Royal Free Hospital in London. Er hat etwa 120 Patienten, Ärzte und Pfleger nach ihrer Einstellung zur Gesichtstransplantation befragt. Das Ergebnis: Viele der Befragten waren zwar bereit, eine Gesichtstransplantation über sich ergehen zu lassen, um etwa nach einem Unfall weniger entstellt auszusehen. Keiner der Interviewten war aber bereit, sein eigenes Gesicht für eine Transplantation zu spenden. Insofern könnte die ganze aufgeregte Diskussion überflüssig sein. Wenn keiner sein Gesicht freiwillig spendet, kann die plastische Chirurgie einpacken und die Ethikkomissionen können nach Hause gehen und sich im Wohnzimmer eine DVD von „Face Off“ anschauen. Vielleicht sitzen Sie, lieber WIENER-Leser, ja gerade in diesem Moment im voll besetzten Wartezimmer des plastischen Chirurgen Ihres Vertrauens, um sich wieder einmal ein paar Liter unnötigen Fetts absaugen zu lassen. Dann machen Sie doch einmal eine Umfrage, wer von den lieben Mitwartenden sein Gesicht spenden würde. Wussten Sie eigentlich, dass pro Jahr in Österreich genauso viele Liter Fett abgesaugt werden, wie der Bodensee Wasser führt? Nein? Ich auch nicht. Ich hab die Größenordnung jetzt einfach mal vermutet. Wahrscheinlich wird mehr Fett abgesaugt. Was passiert eigentlich mit all diesem Fett? Werden damit dann polnische Gänse gemästet, die wir dann wieder zur Weihnachtszeit auffressen, so dass wir dann wieder Fett absaugen gehen müssen, mit dem dann wieder neue Gänse gemästet werden? Achten Sie mal darauf, ob vor der Praxis Ihres plastischen Chirurgen ein Lastwagen mit polnischer Nummerntafel steht.

Ich selber kann leider nicht zur Fettabsauge gehen. Ich hab es einmal versucht. Als der liebe Schönheitsonkel aber mit seinem schwarzen Edding all meine Problemzonen direkt auf der Haut einringelte, kitzelte es so sehr, dass ich laut lachend aus der Praxis fliehen musste. Ich war übrigens fast vollständig bemalt, was meinem Selbstbewusstsein nicht unbedingt förderlich war. „Ihr Körper ist wie der Gazastreifen – eine einzige Problemzone“, sagte der humorvolle Schönheitsonkel, der seinerseits übrigens wie eine bizarre Mischung aus Wolfgang Schüssel und dem deutschen Komiker Dirk Bach aussah, also selber in einem kaputten Haus aus Glas saß. Dessen Gesicht will bestimmt niemand haben. Wenn tatsächlich Gesichtstransplantationen durchgeführt werden, aus welchen Gesichtern wird man dann als Patient wählen können? Wenn im reichen Westen niemand sein Gesicht freiwillig hergeben will, dann wird es wohl so sein, dass Menschen aus der Dritten Welt ihre Gesichter an skrupellose Zwischenhändler verkaufen, wie es heute schon bei Nieren nicht unüblich ist. Aber wie sieht das dann aus? Der Körper speckig, weich und weiß aus Gramatneusiedl und dazu ein Gesicht wie das von Robinho oder Ronaldinho? Oder werden schöne Menschen um ihre Gesichter fürchten müssen? Lauern verrückte Patienten dann mit einem Skalpell Angelina Jolie und Brad Pitt auf und reißen ihnen ihre Gesichter vom Kopf? Dann heißt es wieder: Wer schön sein will, muss leiden.
Einen Nachteil hat die Gesichtertransplantation allerdings. Das neue Gesicht wird dann wie eine Maske sein. Ohne Mimik. Also etwa so wie bei Ottried Fischer, dem ja das Gesicht irgendwann mal eingeschlafen ist und niemand kann es wecken. Oder vielleicht ist Ottfried Fischer ja Patient von Marie Siemionow in Ohio? Und er hat das Gesicht eines toten Spenders? Dann werde ich mir „Der Bulle von Tölz“ jetzt mal unter ganz anderen Vorzeichen anschauen. Als Gruselschocker.
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